1-jähriger Elternzeitroadtrip im Camper durch Südamerika: Peek of the week

Wir sind seit August 2019 mit unseren beiden Kids (fast 3 und 4,5 Jahre) für ein Jahr im Camper in Südamerika unterwegs. Soweit es die Internetverbindung zulässt, geben wir hier wöchentlich im Rahmen unseres „Peek of the week“ Einblicke in unsere Reise. Mehr Impressionen gibt’s auf Instagram. Unsere Reiseroute findet ihr hier.

Woche 4 (09.09. – 15.09.19)
Lagerfeuer am Strand, selbstgebackenes Brot, Pinguin-Bestattungen – Simple Life im Nationalpark Santa Teresa

Wir haben unseren ersten richtigen „Happy Place“ gefunden! Seit drei Tagen stehen wir jetzt im Nationalpark Santa Teresa nahe der Grenze zu Brasilien. Direkt am Meer mit kilometerlangem strahlend weißen Sandstrand. Mutterseelenallein. Nur eine gute Freundin zeigt sich endlich mal wieder: die Sonne! Für zwei Stunden ist sogar Kurze-Hosen-Wetter. Aber sobald der Wind aufkommt, werden die Daunenjacken wieder ausgepackt. Aber lieber so als im Sommer mit tausenden von anderen Leuten, die den Nationalpark dann bevölkern. Nur ins 12 Grad kalte Wasser zieht’s uns nicht mit unseren dünnen Wetsuits, obwohl die Wellen ganz passabel wären. Aber die Tage vergehen auch ohne sportliche Aktivitäten recht schnell: Für unser Lagerfeuer am Strand sammeln wir 2 Stunden lang Holz. Ein 1km langer Strandspaziergang dauert ähnlich lang, weil uns unterwegs immer wieder tote Pinguine begegnen, die bestattet werden müssen. 
Die letzte Dusche ist ne Weile her und langsam werden unsere Vorräte knapp. Wir dachten nicht, dass wir hier mehr als 1 oder 2 Nächte stehen werden und hatten nicht übermäßig viel eingekauft. Natürlich könnten wir ohne weiteres losfahren und uns im nicht allzu weit entfernten Supermarkt wieder eindecken. Aber irgendwie haben wir dazu keine Lust. Nicht bei dem guten Wetter. Wir genießen es richtig, mal nicht alles im Überfluss zu haben, sondern zu versuchen, aus den wenigen Sachen, die wir noch haben, was Nahrhaftes und Leckeres zu zaubern. Wir hatten noch Mehl und Backpulver übrig von Jakobs Geburtstagskuchen und haben festgestellt, dass man auch ohne Hefe ganz schmackhaftes Brot backen kann. Und wie man plötzlich eine angematschte Tomate und zwei Eier zu schätzen weiß, wenn man ansonsten nur noch einen Rest Butter im Kühlschrank hat! 
Auch haben uns die Nudeln schon lang nicht mehr so gut geschmeckt wie heute Abend, obwohl die Soße nur aus passierten Tomaten, Sahne und Knoblauch bestand.
Und den Kindern ist inzwischen auch klar geworden, dass das Wasser nicht unbegrenzt aus dem Wasserhahn kommt.
Das alles ist natürlich „simple life“ auf hohem Niveau. Wir können drinnen kochen und pinkeln und könnten auch heizen, wenn wir frieren. Wenn die Sonne ausreichend auf unser Solarmodul ballert, können wir unser MacBook laden und dank unserem mobilen Router können wir sogar an diesem zumindest momentan recht unberührten Fleckchen Erde ins Internet. Aber ein bißchen simpler fühlt es sich schon an, als auf einem Campingplatz mit Wasser, Strom, Supermarkt und Wlan.

Woche 3 (02.09. – 08.09.19)
Ein nächtlicher Anruf, ein Container Kokain, tranquilo – Die RORO-Verschiffung unseres Campers von Hamburg nach Montevideo

Zum hundertsten Mal schweift unser Blick an diesem Nachmittag aus dem Fenster unserer Airbnb-Unterkunft auf den Rio de la Plata. Hat es sich nicht doch ein paar Millimeter bewegt? Über eine Boat Tracking App hatten wir herausgefunden, dass der Frachter, der am Horizont zu sehen ist, die Grande San Paolo ist, in der unser Camper seit mittlerweile fast genau 4 Wochen übers Meer schippert. Seit heute früh bewegt er sich allerdings nicht mehr, obwohl er laut der Reederei bereits morgens in Montevideo hätte anlegen sollte. Morgen früh sollten wir eigentlich ein weiteres Mal in das Büro der Reederei pilgern, um das langersehnte „Bill of Lading“ zu erhalten. Zweimal waren wir bereits erfolglos dort, jedes Mal haben wir dazu eine andere Aussage erhalten, wohl gemerkt von der gleichen Person. Es wird dunkel, die Lichter da draußen gehören eindeutig zu unserem Frachter. Er hat sich immer noch nicht bewegt. Betrübt gehen wir gegen halb eins schlafen. Ein letzter Blick – die Lichter sind nicht mehr zu sehen. Sind wohl auch alle schlafen gegangen. 
Bis auf Jakob schlafen wir alle schlecht. Bei Peter und mir liegt’s wohl auch an dem Mate-Tee und dem Cuba Libre, den wir abends getrunken hatten. Nachdem ich gefühlt gerade wieder eingeschlafen bin nach Noras nächtlichem Klogang, weckt mich Peter unsanft um 05:10 Uhr: „Mich hat gerade eine italienische Nummer dreimal versucht anzurufen und laut der Boat Tracking App hat die Grande San Paolo vor einer halben Stunde im Hafen angelegt“. Unser Rückruf war erfolglos, es ging nur ein Anrufbeantworter dran. An Schlafen war dann natürlich nicht mehr zu denken, tausend mögliche Gründe gingen uns durch den Kopf. Haben sie festgestellt, dass sie unseren Camper bereits irgendwo in Brasilien ausgeladen haben? Ist er beim Rausfahren ins Wasser gekippt? Ist ihnen aus Versehen ein Container drauf gefallen? Oder ist er nur nicht angesprungen? Finden sie den Schlüssel nicht mehr?
Da wir unsere Airbnb-Unterkunft nicht mehr verlängern konnten, ziehen wir in der Früh in ein Hotel in Hafennähe um. Anschließend wieder zum Büro der Reederei. Nein, wir würden auch heute unser „Bill of Lading“ nicht erhalten, der Frachter wäre erst in den frühen Morgenstunden angekommen und wir bekämen es erst nach dessen Abfahrt. Also mal wieder mañana. Und tranquilo, der Anruf hätte bestimmt nix zu bedeuten. Anschließend suchen wir Eduardo auf, den uns empfohlenen Zollagenten. Wir waren hin- und hergerissen, ob wir selbst versuchen, unseren Camper aus dem Hafen zu bekommen oder ob wir die Dienste eines Agenten in Anspruch nehmen. Im Nachhinein sind wir sehr froh, dass wir uns für letztere Variante entschieden haben. Auch wenn uns Eduardo erstmal die Hoffnung nimmt, dass wir unseren Camper noch vor dem Wochenende aus dem Hafen bekommen. 
Wir sollten am nächsten Tag, also Freitag, auf Abruf bereitstehen, er gibt uns per Whatsapp Bescheid, sobald er Neuigkeiten hat. Ziemlich angespannt und mit wenig Hoffnung, dass wir am Montag Jakobs Geburtstag irgendwo außerhalb der Stadt feiern können, verbringen wir den Vormittag auf einem Spielplatz neben der Zentralbank – in der einen Ecke schlafen Obdachlose, auf der anderen Seite marschieren ständig schwerstbewaffnete Polizisten vorbei, um die Geldtransporte zu bewachen. Dann endlich Nachricht von Eduardo: Er komme in einer Stunde im Hotel vorbei. Wir essen schnell noch ein paar Emapanadas, wer weiß, wie lang sich das jetzt hinzieht. Im Hotel treffen wir ein Pärchen aus Berlin, die ebenfalls auf Eduardo warten. Gegen halb drei ziehen wir mit Eduardo los, er gabelt noch weitere Kunden aus Österreich und der Schweiz auf. Ein kurzes Briefing am Hafeneingang: Die Sicherheitsvorkehrungen wurden wohl kürzlich ziemlich verschärft, nachdem Anfang August in Hamburg ein Container voll mit Kokain aus Montevideo aufgetaucht ist – der wohl bisher größte Kokainfund in Deutschland. Es wäre schwierig, in den Hafen hineinzukommen. Er stellt uns seinen Sohn vor, der wohl beim Hafen arbeitet und versuchen würde, uns reinzubringen. Er selbst würde in 5 Minuten nachkommen.
Wir sind drin. Alle anderen haben ihre Camper bereits entdeckt. Von unserem Bimi weit und breit keine Spur. Das ungute Gefühl, dass wir seit dem nächtlichen Anruf haben, verstärkt sich. Wir erfahren, dass unser Camper an einem anderen Lagerplatz steht, Eduardo würde uns mit seinem Auto dorthin fahren. Während der mehrere Kilometer langen Fahrt durch den Hafen erstmal Erleichterung: Der andere Lagerplatz wäre nur durch die Größe bedingt. Peter meint, im Vorbeifahren einen Blick auf unseren Bimi erhascht zu haben. Aber erstmal Warten im Büro einer Lagerhalle. Es scheinen irgendwelche Stempel in unseren Unterlagen zu fehlen. Eduardo fährt nochmal los. Eine freundliche Logistikmitarbeiterin bietet mir und den Kids an, uns in ein Hinterzimmer zu setzen. Die Kinder stellen Gottseidank mal nicht alles auf den Kopf und verhalten sich einigermaßen ruhig. Es ist inzwischen halb vier, spätestens um fünf ist Feierabend am Hafen und am Freitag ist laut Eduardo sowieso alles sehr tranquilo. Und uns steht die Zollprüfung noch bevor. Dann endlich: Wir dürfen zu unserem Bimi! Er ist vollgepflastert mit irgendwelchen Aufklebern vom Zoll, aber ansonsten scheint ihm nichts zu fehlen. Er springt sofort an und wir folgen Eduardo zum Zoll. 16:15 Uhr. Vor uns warten noch zwei andere auf die Prüfung ihres Campers. Dann verlassen die Zollbeamten plötzlich die Büros, wir befürchten, dass sie jetzt Feierabend machen und uns mitteilen, wir sollen am Montag wieder kommen. Sie drehen aber wohl zur Beschleunigung das Verfahren nur um und kontrollieren erst unseren Camper, bevor wir den Wisch erhalten, der uns die Ausfahrt ermöglicht. Um 16:45 Uhr sind wir draußen. Da wir in dem Parkhaus neben dem Hotel nicht parken können, beschließen wir, vorzeitig auszuchecken. Wir packen in Windeseile unser Zeug, während wir mit laufendem Motor im Haltevorbot stehen, stellen schnell alles in den Camper und fahren endlich aus der Stadt raus. Dann erstmal Aufatmen. Byebye Montevideo, new adventures ahead!

Woche 2 (26.08. – 01.09.19)
Yerba, Kalebasse und Bombilla – Wir frönen jetzt auch dem Ritual

Werbung | Nach einem 3-tägigen Kurztrip nach Buenos Aires sind wir wieder zurück „zuhause“, im 7. Stock des 23-stöckigen Hochhauses „Torre Barracuda“ in Montevideo, mit Blick aufs Meer bzw. den Rio de la Plata, auf dem hoffentlich bald unser Camper „vorbeischwimmt“. Denn eigentlich liegt Montevideo gar nicht direkt am Meer, sondern am Mündungstrichter der südamerikanischen Ströme Paraná und Uruguay in den Atlantik, der aber aufgrund seiner Größe wie das Meer anmutet – mal abgesehen vom kaffeebraunen Wasser.
Und auch die kleinen ovalen Gefäße mit den metallenen Röhrchen, die hier jeder Zweite quer durch alle Altersgruppen und Gesellschaftsschichten mit sich herumträgt, haben sich als etwas anderes herausgestellt, als wir zunächst vermutet hatten. Da Cannabis in Uruguay 2013 unter dem ehemaligen Präsidenten José Mujica legalisiert wurde und seit 2017 sogar in einigen Apotheken verkauft wird, lag der Gedanke nahe, dass es sich dabei um eine Art Wasserpfeife handelt. In den Gefäßen befindet sich auch ebenfalls grünes Kraut, allerdings wird dieses nicht in geräucherter, sondern in flüssiger Form konsumiert. Die Thermoskannen, die selbst gestandene Mannsbilder nebst den Gefäßen liebevoll wie Mütter ihre Babys im Arm halten, lieferten uns schließlich den Hinweis, um was es sich hierbei handelt: Um Mate, das uruguayanische Nationalgetränk, das zu jeder Zeit und an jedem Ort getrunken wird. Ursprünglich aus dem Endteil eines ausgehöhlten Flaschenkürbisses, aber inzwischen gibt es die sogenannten Kalebassen auch aus Holz, Edelstahl, Porzellan, Horn oder Plastik.
Um zu verhindern, dass man die Yerba-Blätter mittrinkt, wird das Aufgussgetränk mit einer Bombilla getrunken, einer Art Strohhalm mit einem Sieb am unteren Ende.
In größeren Runden wird das Mate-Trinken regelrecht als Ritual zelebriert: Der Matero trinkt den ersten, oft noch recht bitteren Aufguss. Dann füllt er Wasser nach und gibt die Kalebasse samt Bombilla weiter. Und zwar solange bis kein Wasser mehr da ist oder der Mate lavado ist, sprich, nach nichts mehr schmeckt.
Mate hat nicht nur eine anregende Wirkung ähnlich wie Kaffee, sondern ist zudem aufgrund der diversen enthaltenen Vitamine und Mineralien wohl auch noch ziemlich gesund.
Was uns auch äußerst positiv aufgefallen ist: Menschen mit Wegwerf-Coffee-to-go Bechern, die in vielen Großstädten das Stadtbild prägen, sieht man hier deshalb eigentlich fast gar nicht.
Seit ein paar Tagen sind wir nun auch stolze Mate-Utensilien-Besitzer. Zwar nicht stilecht mit einer Kürbis-Kalebasse, aber dafür passt unsere einfach perfekt zu unseren Thermos-Trinkflaschen von FLSK, die hier unsere ständigen Begleiter sind. Denn sie halten nicht nur heißes Wasser bis zu 18 Stunden warm, sondern auch kaltes Wasser über 24 Stunden kalt. Dabei sind sie absolut dicht und funktionieren auch mit kohlensäurehaltigen Getränken.

Woche 1 (19.08. – 25.08.19)
Tenemos tiempo y frio – Warten auf unseren Camper in Montevideo

Dass die Anspannung so schnell nachlassen, der Stress der letzten Monate so schnell von uns abfallen würde, hätten wir nicht gedacht. Doch bereits die Fahrt zum Flughafen senkte den Adrenalinspiegel in unserem Blut deutlich. Tatsächlich haben wir bis zur allerletzten Minute noch gerödelt, obwohl wir dachten, dass wir zumindest am Tag des Abflugs nicht mehr allzu viele ToDos hätten. Peter hatte gerade den Staubsauger verräumt und dann fuhr auch schon unser Flughafenshuttle vor. 
Auch die Vermietung unserer Wohnung hatte quasi in letzter Minute noch geklappt: Zwei Wochen vor Abflug haben wir den Mietvertrag unterschrieben. Wir hatten die Hoffnung schon fast aufgegeben und dann hat sich alles so gefügt, wie es besser nicht hätte sein können: In unserer Wohnung lebt nun Anahita, eine Ingenieurin aus dem Iran, deren Mann und Sohn hoffentlich auch bald nachziehen können. Sie ist bereits eine Woche vor unserem Abflug in unser Gästezimmer gezogen und in der Zeit hat sich bereits eine richtige Freundschaft zwischen ihr, den Kids und uns entwickelt.
Anfangs waren wir wenig begeistert, als wir aufgrund von ungeplanten Entwicklungen in Peters Job die Überfahrt unseres Campers auf den späteren Frachter umbuchen mussten. Denn das bedeutete, dass wir zunächst einmal mindestens 14 Tage ohne Camper im noch recht winterlichen Montevideo verbringen würden müssen. Mittlerweile sind wir ganz froh, dass wir uns nicht sofort nach der Ankunft mit Jetlag um den ganzen Papierkram kümmern mussten, um unseren Camper aus dem Hafen zu bekommen und anschließend asap um Gas für unsere Gasflaschen, die wir aber auch erstmal besorgen müssen. Seit dem Untergang der Grande America im Frühjahr vor der französischen Atlantikküste hat die Reederei die Transportbedingungen nämlich ziemlich verschärft und seitdem dürfen auch keine leeren Gasflaschen mehr transportiert werden. 
Stattdessen leben wir seit ein paar Tagen einfach in den Tag hinein. Am ersten Tag haben die Kids ab dem späten Nachmittag 14 Stunden am Stück geschlafen und wir haben es auch auf 12 Stunden gebracht. Jetlag war somit kein Thema, wir hatten sofort einen normalen Rhythmus. Seitdem machen wir keine großen Pläne, nehmen uns nichts vor, sondern verlassen unsere recht spartanische Airbnb Unterkunft dann, wenn uns danach ist. Oder wenn das Wetter vermuten lässt, dass es draußen wärmer ist als drinnen. Lassen uns treiben. Genießen es, keine ToDo-Listen mehr abarbeiten zu müssen und die Kinder nicht zur Eile antreiben zu müssen. Und merken, wie gut das den Kids und uns tut. 

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