Wie uns acht Monate Elternzeitroadtrip durch Südamerika verändert haben – Teil 2

In Teil 1 unserer 2-teiligen Blogserie haben wir bereits ein paar Aspekte herausgestellt, inwiefern unser Südamerika-Roadtrip unsere Denkweise beeinflusst hat. In Teil geht es zudem auch darum, wie sich unsere Reise auf unseren Lebensstil auswirkt.

Minimalistischer Lebensstil
Bereits vor unserer Reise haben wir angefangen, minimalistischer zu leben. Zwar haben wir unsere Wohnung möbliert vermietet, aber unsere persönlichen Gegenstände mussten wir vor der Abreise ausräumen. Das war natürlich eine gute Gelegenheit, mal so richtig zu entrümpeln. So haben wir Keller, Garage und alle Zimmer durchgearbeitet und dabei jedes, teilweise schon recht verstaubte Teil in jedem Regal und jedem Schrank hinterfragt. Auf diese Weise entstanden viele Kartons voller Kleidung und sonstigem Kram, die wir hauptsächlich verschenkt haben. Letztendlich haben all unsere übriggebliebenen Sachen in etwa 20 Umzugskartons gepasst. Für uns war es ein unheimlich befreiendes Gefühl, all den Krempel los zu haben und gleichzeitig war es schön, damit anderen Menschen eine Freude zu bereiten.
Fahrräder, Bikecarrier, Boot und Stand-Up-Paddle-Board haben wir verliehen. Und es fühlte sich gut an, dass die Dinge während unserer Abwesenheit von unseren Freunden genutzt werden würden.
Während der Reise hatten wir nie das Gefühl, dass uns irgendetwas fehlt. Schnell haben wir uns daran gewöhnt, dass wir keine große Auswahl an Kleidung, Spielzeug oder auch Lebensmitteln haben und wir genossen diese Art von Freiheit.
Nach der Reise ist uns klar, dass wir diesen minimalistischen Lebensstil weiterführen wollen. Die 20 Umzugskartons haben wir nochmals ausgemistet. Wir wissen jetzt, wie wenig man eigentlich braucht und werden die Angebotsvielfalt, die wir in Deutschland haben, öfter kritisch hinterfragen als vorher.

Vermeidung von (Plastik)müll
Wenn wir Müll an Stränden oder in den Bergen gefunden haben oder an Stellplätzen standen, an denen Leute ihren Müll liegengelassen haben, haben wir diesen auch früher schon eingesammelt.
Ein Schlüsselerlebnis, das unsere Einstellung zum Thema (Plastik)müll nachhaltig beeinflusst hat, hatten wir in Caleta Olivia, einer Stadt an der Ostküste Patagoniens, deren Hauptattraktion eine Seelöwenkolonie ist, die gleich hinter der Stadt in unmittelbarer Nähe der Ruta 3 lebt.
Wir hatten kurz davor die zwar touristische, aber trotzdem noch weitgehend unversehrte Halbinsel Valdes besucht, einen der besten Orte zur Wildlife-Beobachtung in Argentinien, und waren so dermaßen geschockt, als wir aus Caleta Olivia herausfuhren, dass wir es nicht mal geschafft haben, Fotos zu machen: Am Ortsrand befindet sich eine gigantische Mülldeponie, bei der man mit der Verbrennung nicht hinterherzukommen scheint. Die starken patagonischen Winde haben nun dazu geführt, dass die Landschaft in einem Radius von rund 15 km komplett vermüllt ist und es keinen Busch gibt, in dem sich keine Plastiktüten verfangen haben. Das trostlose Bild wird dadurch abgerundet, dass überall Erdölbohrtürme herumstehen, was die Perversität noch verstärkt, wenn man bedenkt, dass der Plastikmüll daraus entsteht. Und dazwischen lebt eine Seelöwenkolonie.
Die Mikroplastik-Problematik ist ja inzwischen allseits bekannt. Aber wenn man sich nicht näher mit dem Thema befasst, wird man sich der Plastikverpackungsmüll-Problematik in Deutschland gar nicht so recht bewusst. Schließlich liegt hier ja kein Müll in der Gegend rum und es wird ja alles recycelt. Wenn man sich aber etwas näher mit dem dem Anschein nach so vorbildlichen Recyclingsystem in Deutschland beschäftigt, stellt man fest, dass es doch eklatante Schwächen hat. So werden trotz hoher kommunizierter Recyclingquote zum Beispiel rund 60% verbrannt, was einen nicht unerheblichen CO2-Ausstoß verursacht. Vom Rest wird ein Großteil ins Ausland exportiert. Lediglich ca. 17% des Plastikmülls werden nachvollziehbar recycelt. Insofern ist es die bessere Lösung, Plastikverpackungen von Vornherein zu vermeiden, nicht zuletzt auch aus gesundheitlicher Sicht.
Bereits vor unserer Reise haben wir versucht, unseren Plastikmüll zu reduzieren, mit relativ einfachen Methoden wie Gemüsenetzen, dem Verzicht auf Alu- und Frischhaltefolie und der Verwendung von Seifen, festem Shampoo etc.
Seit unserer Rückkehr versuchen wir, noch ein paar Schritte weiterzugehen in Richtung „Zero Waste“. Joghurt und Milch kaufen wir nur noch in Pfandflaschen und -gläsern. Wann immer möglich, versuchen wir, nicht in Supermärkten und Discountern einzukaufen. Gemüse, Obst und Käse sowie das wenige Fleisch, das wir essen, kaufen wir überwiegend in Hofläden und auf Wochenmärkten, zumal sie dort auch in Coronazeiten in der Regel mitgebrachte Netze und Gefäße akzeptieren und man dort auch Biogemüse ohne Plastikverpackung bekommt. Wenn wir beruflich wieder stärker eingebunden sind, werden wir, wie früher auch schon, eine Ökokiste abonnieren. Trockenprodukte wie Nudeln, Reis, Haferflocken, Sojaschnetzel etc., aber auch Essig, Öl, Spül- und Waschmittel, Seifen etc. kaufen wir im Unverpackt-Laden. Bis auf unsere Kontaktlinsenflüssigkeit und die Kinderzahnpasta ist auch unser Bad inzwischen so gut wie plastikfrei.
Schwieriger fällt uns die Müllvermeidung im Hinblick auf Onlinebestellungen. Bis vor unserer Reise waren wir, nicht zuletzt auch berufsbedingt, absolut überzeugte Onlineshopper. Inzwischen schauen wir vorab, ob man bestimmte Sachen nicht auch irgendwo vor Ort bekommt. Und kaufen einfach generell weniger, vor allem Bekleidung. Und hier dann eigentlich nur nachhaltige und qualitativ sehr hochwertige Stücke, von denen wir lange etwas haben und die wir multifunktional einsetzen können.

Abkehr vom staatlichen Schulsystem
Auch vor unserer Reise haben wir uns immer mal wieder gefragt, ob wir unsere Kinder auf eine staatliche Schule schicken sollen oder ob sie in einer reformpädagogischen Schule besser aufgehoben wären. Ganz schlüssig waren wir uns nicht und das Thema war auch noch nicht so brisant, zumal feststand, dass wir Nora nicht als „Kann-Kind“ direkt nach unserer Reise ins kalte Wasser werfen würden. Inzwischen sind wir überzeugt davon, dass unsere Kinder nicht für das staatliche Schulsystem geeignet sind. Wenn es denn überhaupt Kinder gibt, die für ein Schulsystem geeignet sind, das für eine Welt erschaffen wurde, die es in der Form schon lange nicht mehr gibt und die es erst recht nicht mehr geben wird, wenn unsere Kinder ihre Schullaufbahn beendet haben. Insofern ist es für uns mittlerweile auch keine Option mehr, zunächst einmal zu schauen, ob sie auf einer staatlichen Schule zurechtkommen und wenn nicht, ggf. nach einer Alternative zu schauen. Als zu groß sehen wir die Gefahr, dass ihre angeborene intrinsische Motivation, zu lernen, zu entdecken und zu gestalten, die wir auf unserer Reise so oft erleben durften, zunichte gemacht wird. Hirnforscher, Entwicklungs- und Lernpsychologen sind sich inzwischen einig, dass man nur dann etwas nachhaltig lernen kann, wenn man es selber möchte. Jegliche Formen von extrinsischen Belohnungen und Bestrafungen, wie sie in der Regelschule durch die Notengebung erfolgen, führen letztendlich dazu, dass man seine intrinsische Motivation unterdrückt, sich anpasst und funktioniert. Auch testen Noten lediglich, ob man im richtigen Augenblick darauf vorbereitet ist, was der Lehrer von einem wissen will. Die Folge ist Bulimie-Lernen: In Rekordzeit Stoff reinfuttern, in der Prüfung ausspucken und anschließend wieder vergessen. Zumal man ja mehr noch als zu unserer Zeit weiß, dass man sich das nicht merken muss, weil man dieses Wissen mit großer Wahrscheinlichkeit im späteren Leben nicht braucht. Und falls doch, dass man es bei Bedarf googlen kann.
Herauszufinden, wo die eigenen Stärken liegen, Begabungen und Potentiale zu entfalten und Gewissheit zu erlangen, welchen Weg man nach der Schule einschlagen soll, wird damit sehr erschwert.
Und während es im Baby- und Kleinkindalter als völlig normal gilt, dass Kinder Entwicklungsschritte zu unterschiedlichen Zeiten machen und manche Kinder z.B. schon mit 10 Monaten laufen können und andere erst mit 18 Monaten, wird das in der Schule plötzlich völlig außer Acht gelassen. Ein Lernen im eigenen Tempo ist nicht möglich. Das Ziel ist also nicht, jedes Kind bestmöglich zu fördern, sondern zu selektieren, nicht zuletzt auch dadurch, dass der Notenspiegel die Gauß‘sche Normalverteilung widerspiegeln soll.
Auch einem weiteren wichtigen Aspekt der Lernforschung, nämlich dem unmittelbaren Zusammenhang zwischen Lernen und körperlicher Bewegung, wird in keinster Weise Rechnung getragen. Da hilft auch der Sportunterricht nicht viel, der primär aus fremdbestimmten Herausforderungen, Vormachen, Nachmachen und Zurechtschleifen besteht.
Wir sind der festen Überzeugung, dass der Mythos vom Schulabschluss als Weichenstellung für die Zukunft in nicht allzu ferner Zeit ausgedient haben wird. Schon jetzt spielt die Persönlichkeit, das Können und das Wollen im Bewerbungsprozess die entscheidende Rolle. Nur diejenigen, die sich ihre Lernlust und Kreativität bewahrt haben und die sich auch in Zeiten des Wandels die Kompetenzen aneignen können, die sie künftig benötigen, werden in der Arbeitswelt von morgen gebraucht werden. Normierte und angepasste Bewerber, wie sie das staatliche Schulsystem zuhauf zutage bringt, werde zunehmend uninteressanter, denn letztlich können all die Arbeiten von digitalen Maschinen übernommen werden, bei denen es primär darauf ankommt, dass sie effizient, zuverlässig und vorschriftsmäßig umgesetzt werden.
Auch unabhängig von den Karrierechancen ist es uns wichtig, dass sich unsere Kinder ihre Lebensfreude und ihre Authentizität bewahren. Neben der Lust zu Lernen sind das aus unserer Sicht die wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass sie sich in der Welt, mit der sie künftig konfrontiert werden, zurechtfinden. Der Leistungsdruck, der ständige Vergleich mit Mitschülern, die standardisierten, z.T. überholten und fremdbestimmten Unterrichtsthemen sowie die damit einhergehende Demontage des Selbstwertgefühls, sprich, all das, was die Regelschulen aus unserer Sicht verkörpern, wirkt hier kontraproduktiv.
Die ideale Schule, die unsere Kinder bestmöglich auf das Leben in einer Welt vorbereitet, die wir momentan nur erahnen können, gibt es wahrscheinlich nicht.
Einige positive Ansätze dazu sehen wir persönlich in der Montessori-Pädagogik. Von daher werden wir in der nächsten Zeit Gespräche führen mit Personen mit einem entsprechenden Bezug, uns Schulen ansehen und dann darauf hoffen, dass wir für Nora zum nächsten Schuljahr einen Platz ergattern.


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